Über uns: die Details

Was ist a_qua?

Wir sind eine Gruppe in Offenbach und Frankfurt am Main, die seit 2019 besteht und die sich mit queeren und anarchistischen Themen beschäftigt. Unser Name “a_qua” steht für “anarchistisch” und “queer”. Außerdem hatten wir einen kurzen Nerd-Moment, in dem wir “qua” (latein, bedeutet: durch, mittels, entsprechend) als Referenz auf “anarchistisch mittels queer” witzig fanden. Mit dem Unterstrich schaffen wir Raum für unsere unterschiedlichen Ideen zu Anarchismus und Queer und unser Verständnis von Anarchismus als offenem Prozess.

Was verstehen wir unter Queer?

Viele Menschen sind beispielweise nicht-binär, intergeschlechtlich, lesbisch*, pansexuell… Grob gesagt ist “queer” für uns ein Sammelbegriff für Menschen, die nicht heterosexuell und/oder nicht cisgeschlechtlich sind. Cisgeschlechtlich bedeutet, dass eine Person sich mit dem Geschlecht identifiziert, das der Person nach der Geburt zugewiesen wurde. Cis ist ein Gegenpart zu “trans”, was wiederum Menschen bezeichnet, die sich nicht mit dem zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Heterosexuell bedeutet: Männer begehren Frauen, Frauen begehren Männer.

„Queer“ bezeichnet also Menschen, Körper, Praktiken und Politik außerhalb der (Hetero-)Norm von Geschlecht und/oder Begehren. Es kann u.a. für Lesbisch / Schwul / Bisexuell / Aromantisch / Asexuell (sexuelles bzw. romantisches Begehren) oder auch für Trans / Intergeschlechtlich (Geschlechtsidentitäten) stehen, von daher ist es auch ein Sammelbegriff für die LGBTQIA+ “Buchstabenkette”. Queer sind für uns Menschen, die nicht der “heteronormativen Logik” entsprechen. Diese Logik besagt, dass es genau zwei Geschlechter in einem “binären Geschlechtersystem” gibt (Männer und Frauen) und dass diese sich gegenseitig (heterosexuell) begehren. Alles, was davon abweicht, gilt für unsere Gesellschaft als krank, pervers, falsch. Dies ist jedoch eine Vorstellung, die weder einer biologischen oder “natürlichen” noch gesellschaftlichen Realität entspricht. Das Leben, die Natur und die Gesellschaft sind weitaus vielfältiger, als dass wir alle in zwei Kategorien passen. Es gibt mehr als zwei Geschlechter, und übrigens auch viel mehr als drei.

Es ist wichtig, die Selbstdefinition einer Person zu achten. Wenn eine Person sich aus Gründen von Diskriminierung und Ausschluss von der hetero- und cisnormativen Gesellschaft als “queer” bezeichnet, dann ist diese Person queer. Der Begriff “queer” kann in verschiedenen Situationen und von verschiedenen Personen und Gruppen anders verwendet werden. Queer ist fluide und wandelbar, jedoch niemals beliebig.

Queer Pride!? Her mit dem schönen Leben?

Queer ist für uns immer auch mit Verletzungen und Abwertungen durch die Gesellschaft verbunden. Diskriminierungserfahrungen, Ausschluss und/oder Unsichtbarmachung sind elementare identitätsstiftende Erfahrungen, die queere Personen machen.

Für uns kommt “Pride” (Stolz) erst durch das Überleben des Schmerzes, der damit verbunden ist, in unserer Gesellschaft queer zu leben, zu lieben, zu sein. Pride/Spaß ist nicht sinnfrei Verbunden mit Queerness, und wir wollen auch nicht am Ende in der “Normalität” aufgehen. Unser Ziel ist nicht die Vision von Homonormativität (die Anpassung von Lesben und Schwulen an heteronormative Ideale), sondern Respekt für alle Geschlechter, alle einvernehmlichen Beziehungen und unterschiedliche Lebensentwürfe. Sexismus, Homofeindlichkeit und Transfeindlichkeit möchten wir benennen und überwinden.

Entsprechend verläuft für uns auch kein politischer “Graben” zwischen den Identitäten der LGBTQIA+ Buchstaben. Das bedeutet: Schwule finden wir nicht weniger politisch als asexuelle, Lesben nicht weniger queer als trans Personen, und so weiter. In unseren verschiedenen Identitäten und Begehren lassen wir uns nicht gegeneinander ausspielen. Vielmehr verläuft die politische Positionierung für uns zwischen denen, deren Politik Teil einer links-queeren Gesellschaftskritik ist, und jene, die sich an den Mainstream anpassen und feiern, dass sie jetzt auch endlich “dazu” gehören – was automatisch bedeutet, dass andere (jetzt oder immer noch) hinten runterfallen. Wir möchten nämlich eigentlich nur ein besseres Leben – und zwar für alle Menschen.

Herrschaftskritik que(e)r gedacht

„Queer ist kein Partymotto“, oder wie ging der Spruch von damals? 😉 Queer ist die Markierung von Abweichung, Perversion, von Verfehlungen – aus Sicht der sich für „normal“ haltenden Menschen. Unsere queere Politik hinterfragt Zweigeschlechtlichkeit, geschlechtliche Normierung und Geschlechterhierarchien. Sie stellt also heteronormative Dominanz- und Unterdrückungsverhältnisse infrage. Queere Politik ohne feministische Herrschafts- und Gesellschaftskritik ist für uns ebensowenig denkbar wie Feminismus ohne queere Sichtweise.

Queer ist für uns also eine herrschaftskritische Perspektive, die nicht isoliert für sich alleine steht. Wir denken queer im Kontext mit den Kämpfen gegen Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnisse insgesamt. Das heißt, wir verstehen unseren Aktivismus im Zusammenhang mit anderen Kämpfen z.B. gegen Ableismus, Rassismus, Klassismus, gegen Patriarchat, Kapitalismus und Staat, mit Blick auf die Utopie einer befreiten und solidarischen Welt.

Um Herrschaftsverhältnisse bekämpfen zu können, ist es aus unserer Sicht wichtig, sie zu analysieren und zu reflektieren. Dafür ist das Konzept der Intersektionalität ein grundlegendes Instrument (engl. intersection: Kreuzung, Schnittpunkt), denn damit können wir wahrnehmen, dass verschiedene Herrschaftskategorien miteinander verwoben sind, und so Menschen jeweils unterschiedlich Diskriminierung und/oder Privilegierung erfahren. Die verschiedenen Unterdrückungsmechanismen laufen nicht nur parallel sondern auch ineinander verschachtelt. Es macht einen Unterschied in unserer Gesellschaft, ob du Schwarz+queer oder weiß+queer bist, ob du ableisiert+queer oder be_Hindert+queer bist… Diese Perspektive ist nicht nur theoretisch und nicht nur in Bezug auf die Sehnsucht nach Herrschaftsfreiheit relevant, sondern ganz konkret für uns: in jedem Plenum, jeder Aktionsplanung, bei jedem Text von uns streben wir an, intersektional zu denken.

Was verstehen wir unter Anarchistisch?

Anarchie bedeutet Nicht-Herrschaft und ist die gesellschaftliche Form, die wir uns wünschen und anstreben, die Gesellschaft ohne Herrschaft. “Anarchismus” beschreibt verschiedene Theorien, Praxen, Strategien usw. dazu. Aber ist eine Welt wirklich möglich, in der es keine Herrschaft und keine Hierarchien gibt? So genau wissen wir das auch nicht. Anarchistische Politik ist für uns mit einer Utopie verbunden, die vielleicht gar nicht erreichbar ist. Gleichzeitig versuchen wir Ideale und Vorstellungen davon aber bereits jetzt in unserem alltäglichen Handeln umzusetzen. Warum sollen wir nicht versuchen, eine Welt zu gestalten, die besser ist? Anarchist*in sein und anarchistisch leben bedeutet für uns, sich diesem Ziel von Nicht-Herrschaft, so gut es geht, anzunähern, und deshalb schon heute im Hier und Jetzt nach Möglichkeiten zu suchen, Beziehungen, Wohnen, Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit sowie Politarbeit anders zu leben, anders zu organisieren und überhaupt auf ein anderes, solidarisches Miteinander zu achten.

Gleichzeitig sehen wir uns Strukturen ausgesetzt, die genau das verunmöglichen: Wir leben nicht neben der rassistischen und patriarchalen Gesellschaft, nicht in einem Außerhalb von Staat und Kapitalismus, nicht losgelöst von struktureller und alltäglicher Feindlichkeit und Abwertung von beispielsweise dicken Körpern. Unser anarchistischer Anspruch beinhaltet, alle Herrschaftsdimensionen mitzubedenken und keine Hierarchie von Unterdrückungsverhältnissen aufzustellen. Uns sind reformorientierte Initiativen suspekt, die sich zwar einem bestimmten Unterdrückungsverhältnis annehmen, aber letztlich die Macht und Gewalt von Staat und Kapitalismus dadurch irgendwo auch wieder stabilisieren. Andererseits können wir natürlich auch nicht die Augen davor verschließen, dass in der konkreten Realität konkrete Menschen dadurch Unterstützung erfahren können.

Uns ist außerdem bewusst, dass wir selbst in Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse verstrickt sind, daran leiden, aber sowohl dazu beitragen, sie zu reproduzieren, als auch davon profitieren. Anarchismus als radikale Herrschaftskritik bedeutet für uns auch immer, diese kritische Selbstreflexion an uns selbst und an den Dynamiken in unserer Gruppe auszuüben. Wir sind alle in eine Gesellschaft hineingeboren, in der Machtverhältnisse vorherrschen. Von klein auf erfahren wir Privilegien aber auch Diskriminierungen, die sich so sehr in uns eingeschrieben haben, dass wir sie oft nicht (mehr) bemerken, wenn wir sie uns nicht immer wieder bewusst machen und versuchen, sie zu verlernen. Dieses Verlernen verstehen wir als langwierigen Prozess und als notwendigen Teil einer ebenso langwierigen sozialen Revolution. Wir gehen nicht davon aus, dass ein einzelnes Ereignis eine Revolution mit sich bringen wird – und dann ist plötzlich alles anders.

Leider aber erscheint die Möglichkeit einer Revolution überhaupt wie aus einer längst vergangenen Zeit. Und tatsächlich sind wir angesichts der ganzen Scheiße ziemlich oft ziemlich ratlos. Ermutigend sind für uns Kämpfe und Aktionen im Kleinen und im Großen, Genoss*innen und Gruppen, die uns inspirieren und Begegnung, Erfahrung von Solidarität. So wichtig wir unsere eigene, sowie viele andere kleine autonome Gruppen mit jeweils unterschiedlichen Perspektiven, Schwerpunkten und Organisationsformen finden, so wichtig ist es aus unserer Sicht aber auch, dass wir mehr damit experimentieren und umsetzen, wie eine gute Bündnisarbeit gehen kann. Das wäre dann auch etwas, was Hoffnung und Mut geben könnte 🙂

Wie sieht unsere queere und anarchistische Politik aus?

In unserer Idee von Anarchie als auch in unserer queeren Politik gibt es ähnliche Ansätze von Selbstbestimmung und Herrschaftskritik. Wir kritisieren immer schon und weiterhin die Kommerzialisierung, Kapitalisierung und Normalisierung der queeren Bewegung. Queer Leben bedeutet Widerstand gegen die Normierung unserer Körper und unserer Lebensentwürfe. Queer ist keine schwul-lesbische Kreuzfahrt und auch kein Kreditinstitut mit Regenbogen-Logo. Queer bedeutet für uns immer eine kritische Perspektive auf die Welt, in der wir leben. Wir möchten Beziehungen und Begehren anders leben als es der Staat und der Großteil der Gesellschaft vorschreibt. Queere Politik bedeutet für uns nicht, auch endlich die gleiche Scheiße machen zu können, wie die normierten cisgeschlechtlichen und heterosexuellen Menschen. Wir möchten gemeinsam herausfinden, was unsere Bedürfnisse sind, und wie wir solidarisch miteinander leben können. Diese Art von Beziehungsarbeit und Gruppenerfahrung kann manchmal anstrengend sein, nicht zuletzt weil wir sowohl an den gesellschaftlichen Verhältnissen scheitern, aber auch in unseren kleinen Blasen und Kontexten unseren Ansprüchen oft genug doch nicht gerecht werden. Und trotzdem ist dies die Voraussetzung für unsere Utopie vom Privaten und Politischen. Bereits im Kleinen schaffen wir Veränderungen: “baby steps”.

Wir wollen versuchen, Normen und Normalisierungen in Frage zu stellen und uns der Mainstreamisierung (und dessen machtvollen Anrufungen) zu widersetzen. Dabei suchen wir in gesellschaftlichen Verhältnissen nach Brüchen, Widersprüchen und Spannungsfeldern: um das binäre Geschlechtersystem zu sprengen; um herrschaftsförmige Geschlechterverhältnisse abzubauen; um gegen die Abwertung unserer Lebensformen, Liebens- und Beziehungsweisen zu kämpfen.

Dabei ist uns Entschleunigung wichtig. Entwicklungen dauern so lange an, wie sie andauern müssen, um eine Lösung zu finden, bei der möglichst die Bedürfnisse und Grenzen von allen mit eingebunden sind. Es ist erstaunlich, wie oft dies möglich ist, wenn mensch keine kapitalistische Verwertungslogik im Hinterkopf mitdenken “muss”. Es wird bei einer Aushandlung meist möglich sein, eine Lösung zu finden, die kein Kompromiss darstellt sondern wirklich die Ansprüche aller Beteiligten erfüllt.

Es gibt keine lineare Logik und das hier ist nicht die Konsequez aus dem vorher Geschriebenen, Gedachten. Es gibt verschiedene Wege, Abzweigungen, Schlaufen, Gedanken, die sich wiederholen oder widersprechen. Anarchistisch ist nicht gleich queer, aber für uns gehen queer und anarchistisch denken, leben, kämpfen miteinander einher, sind miteinander verwoben.

Wer sind wir?

Wir sind aktuell eine Gruppe von weißen Personen mit deutschem Pass, teilweise mit Migrationsgeschichte. Wir haben in unterschiedlichen Formen an Hochschulen studiert und befinden uns jetzt – oder auch schon länger – im post Studiums-Life.

Einige von uns sind cisgeschlechtlich. Das heißt, sie identifizieren sich mit dem Geschlecht, das ihnen nach der Geburt zugewiesen wurde – so sehr sich mensch mit gewaltvoll zugewiesenen Kategorien identifizieren kann und möchte. Einige von uns sind nicht-binär trans. Das heißt, sie identifizieren sich weder mit dem Geschlecht, das ihnen nach der Geburt zugewiesen wurden, noch sehen sie sich eindeutig als Mann oder Frau. So weit wir es wissen, sind wir alle endogeschlechtlich/dyadisch (das bedeutet, nicht intergeschlechtlich).

Wir sind jeweils unterschiedlich positioniert bzgl. be_Hindernissen / chronisch Kranksein, Neurodiversität, dick_fett sein.

Mit unserer politischen Praxis verorten wir uns in der linken / linksradikalen und queeren Community und oft auch in FLINT Räumen. Wir sind uns darüber uneinig, ob wir hinter FLINT* ein * (Sternchen) setzen oder nicht. Auch hier zeigt sich, dass wir uns als Gruppe aus unterschiedlichen Verständnissen und Positionierungen zusammensetzen.

Warum schreiben wir all das über uns? Weil es eben nicht egal ist, aus welcher Perspektive und mit welchem Hintergrund mensch Politik macht. Privilegien und Diskriminierungen begleiten uns ständig. Sie zu benennen ist der erste Schritt, um Ungleichheiten bekämpfen zu können.

Weiterführende Links zu Queer & Anarchie